Amazon Prime Video hat eine Tüte M&M’s in eine Schale in der Serie Bosch eingefügt. Der Haken? Das Produkt war während der Dreharbeiten nie vor Ort.
Die M&M’s-Tüte wurde Monate nach Abschluss der Produktion digital ins Bild gesetzt. Dafür kommt KI-Technologie zum Einsatz, die Szenen analysiert, Lichtverhältnisse abgleicht, Perspektiven anpasst und Markenprodukte so rendert, dass sie von echten Requisiten nicht zu unterscheiden sind.
Die M&M’s-Kampagne erzielte einen Anstieg der Markensympathie um 7 % und eine Steigerung der Kaufabsicht um fast 15 %.

Noch wichtiger ist aber, was das Ganze grundsätzlich zeigt. Es ist ein Paradigmenwechsel in der Art und Weise, wie Werbung innerhalb von Unterhaltungsinhalten funktioniert. Klassisches Product Placement erfordert Abstimmung in der Vorproduktion, physische Requisiten am Set und Verhandlungen, die Monate vor Drehbeginn stattfinden. Dynamisches Product Placement macht all diese Einschränkungen überflüssig.
Dynamisches Product Placement – auch Virtual Product Placement oder In-Scene Advertising genannt – nutzt KI, um Markenprodukte nachträglich in Serien, Filme, Musikvideos und Streaming-Inhalte einzufügen.
Die Technologie basiert auf einer KI-gestützten Szenenanalyse, die fertige Inhalte Bild für Bild durchgeht. Das System erkennt potenzielle Platzierungsorte: Tische, Wände, Regale, Plakatwände, Bildschirme. Es bewertet die kontextuelle Eignung anhand von Setting, emotionalem Ton und erzählerischer Funktion der Szene. Sobald passende Stellen identifiziert sind, berücksichtigen Rendering-Engines Lichtrichtung, Kameraabstand, Blickwinkel, Tiefenschärfe und Bewegungsunschärfe, um eine fotorealistische Integration zu erzeugen.
Im Gegensatz zum klassischen Product Placement, bei dem ein Requisiteur während der Produktion physische Gegenstände beschafft, findet die virtuelle Platzierung in der Postproduktion statt – oder sogar Jahre nach der Veröffentlichung. Eine Streaming-Plattform kann damit ihren gesamten Katalog rückwirkend monetarisieren. Eine Serie aus dem Jahr 2020 kann ein Produkt zeigen, das erst 2026 auf den Markt gekommen ist. Ohne dass auch nur eine einzige Szene neu gedreht werden muss.
Das bringt drei operative Vorteile mit sich:

Streaming-Plattformen sind Vorreiter bei der Einführung, weil ihre Infrastruktur dynamische Inhaltsauslieferung unterstützt.
Amazon Prime Video und Amazon Freevee betreiben Beta-Programme, in denen Marken virtuelle Platzierungsmöglichkeiten über programmatische Werbekanäle einkaufen können.
Peacock hat „In-Scene“-Anzeigen eingeführt, die Schlüsselmomente identifizieren und massgeschneiderte Markenbotschaften nachträglich einfügen.
Auch das lineare Fernsehen setzt zunehmend auf virtuelle Platzierung.
CBS nutzt die Technologie in Eigenproduktionen und strahlt die Inhalte sowohl im linearen Programm als auch auf Paramount+ aus.
Musikvideos auf Plattformen wie Vevo akzeptieren virtuelle Platzierungen. Selbst Reality-TV, wo Marken traditionell organisch auftauchten, erhält jetzt digitale Integrationen.
Die Technologie erstreckt sich auch auf FAST-Kanäle (Free Ad-Supported Streaming Television), Social-Media-Videoinhalte und lizenzierte Programme, bei denen Rechteinhaber die internationale Verbreitung monetarisieren wollen, ohne physische Platzierungsverträge für jeden einzelnen Markt neu verhandeln zu müssen.
DECKED, ein modulares Ladeflächen-Stauraumsystem für Trucks, taucht in der CBS-Serie The Road auf – einer Serie über reisende Country-Musiker. Wenn die Künstler Equipment handhaben oder Ausrüstung für Auftritte verladen, erscheinen DECKED-Stauraumsysteme nahtlos in die Szenen integriert.
Die Kampagne kombiniert physische Platzierung (echte DECKED-Produkte am Set) mit virtuellen Erweiterungen (digital eingefügte Leuchtreklame und zusätzliche Produktsichtbarkeit). Dieser hybride Ansatz maximiert die Bildschirmzeit, ohne den Produktionsablauf zu stören. DECKED misst die Ergebnisse über Marken-Suchvolumen, Social-Media-Engagement und Zielgruppen-Gesprächs-Tracking, um die Sichtbarkeit mit tatsächlichen Verkaufsergebnissen zu verknüpfen.

Baileys-Flaschen tauchten in drei Lifetime-Filmen auf – auf Küchentheken, Barflächen und Esstischen, und zwar in Szenen, in denen Alkoholkonsum kontextuell angemessen war. Die Platzierung passte sich dem visuellen Stil jedes Films an und wirkte wie Requisiten, die schon während der Dreharbeiten da gewesen wären.
In der Nachkampagnen-Forschung wurden Bekanntheitssteigerung und Kaufabsicht bei den Zielgruppen gemessen, die die Filme gesehen hatten. Die Ergebnisse wurden mit Kontrollgruppen verglichen, die Versionen ohne virtuelle Platzierung gesehen hatten.

Lexus wollte diverse Zielgruppen ansprechen und fügte virtuelle Beschilderung sowie 3D-Fahrzeugmodelle in Musikvideos der südasiatisch-amerikanischen Musiker Mickey Singh und Jonita Gandhi ein.
Die Fahrzeuge tauchten geparkt in Strassenszenen auf oder fuhren in Hintergrundaufnahmen vorbei. Markenbeschilderung erschien auf digitalen Plakatwänden und Schaufensteranzeigen innerhalb der urbanen Videokulisse.
Dieser Ansatz spricht Nischen-Zielgruppen durch kulturell spezifische Inhalte an – ohne separate Produktionsbudgets für jede Künstlerpartnerschaft.

Virtuelles Product Placement wird in Deutschland, Österreich und der Schweiz im Rahmen der EU-Regulierung betrieben, die durch die Richtlinie über audiovisuelle Mediendienste (AVMD-Richtlinie) festgelegt wurde. Die Richtlinie unterscheidet zwischen Schleichwerbung (unmarkiert), die weiterhin verboten ist, und offengelegtem Product Placement, das unter bestimmten Kennzeichnungspflichten erlaubt ist.
Deutschland hat die Richtlinie durch den Rundfunkstaatsvertrag umgesetzt, der seit April 2010 gilt. Product Placement ist in Kinofilmen, Fernsehfilmen, Serien, Sportsendungen und leichter Unterhaltung mit ordnungsgemässer Kennzeichnung erlaubt.
Sendungen mit Product Placement müssen zu Beginn, nach Werbeunterbrechungen und am Ende ein Kennzeichnungssymbol (in der Regel ein „P“-Symbol) einblenden.
Österreich erlaubte Product Placement bereits vor der formellen EU-Harmonisierung und führt die Praxis unter den aktuellen Vorschriften fort.
Die Schweiz ist zwar kein EU-Mitglied, orientiert sich aber an vergleichbaren Transparenzanforderungen für audiovisuelle Inhalte.
Der Markt entwickelt weiterhin Messstandards und Kennzeichnungspraktiken, während virtuelles Placement über DACH-Rundfunk- und Streaming-Inventar skaliert.
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